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8.9.2010 : 20:40 : +0200


Studentensommer - Arbeiterherbst (2)



von Andreas Gläser

aus dem Buch DJ Baufresse aus dem Kiepenheuer- Verlag Berlin 2006

 

Am Rande des Dorfes Ahrensfelde war das Einkaufen gehen eine angenehme Art, um die einhundertfünfzig Mark Lehrlingsrente einzustreichen. Monika und ich schlenderten zu einer Kaufhalle, die eine knappe S-Bahnstation von unserem Stützpunkt entfernt war. Romantik schwebte über die Stadtrandlandschaft, weil sie nicht überall mit Rohbauten garniert worden war. Ein Schäfer trieb seine Herde von Baugraben zu Baugraben, er war zu einem Plausch bereit und somit berechenbarer als der Bauer, der den Bezirk Frankfurt/Oder verteidigt hatte, als die Berliner Landvermesser die Stadtgrenze in Richtung Polen verlagern wollten. Der Bauer soll die Markierungspfähle aus dem Ackerboden gezogen und nach Berlin zurückgeworfen haben. Die Bauleute hatten sich zwar auf das Wohnungsbauprogramm der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik berufen, doch der Bauer war zwei Minuten später mit einer Schrotflinte wiedergekommen.

Meine Kollegen wollten ihre Ruhe haben. Schlechtwettertage waren besonders gefragt. Als mit dem Sommer die Studentinnen flöten gingen, lauerten wir zum jeweiligen Tagesbeginn auf den großen Regen, damit wir die Baracke nicht verlassen mußten. Wir soffen, als wäre uns bewußt, daß wir damit den Untergang der DDR beschleunigten. Die Alten spielten Skat, frühstücken wollten sie trotzdem. ?Stift, wofür biste Stift? Bier holen!"

Wir waren zehn Leute, für ein Frühstück mit Bier mußte mir jemand tragen helfen. Dirk, der Jungfacharbeiter, rief: ?Ick hab schon ausjelernt!"

Rainer antwortete: ?Aber trinken willste ooch wat, oder biste schwul?"

Die meistens Kollegen waren hetero veranlagt, die wenigsten auch beschäftigt. Wenn das Wetter nicht schlecht genug war, irrten alle zwischen den Sandbergen scheinbar beschäftigt umher. Es hieß: ?Noch ?ne halbe Stunde bis zum Frühstück. Wer jeht vor? Den ersten beißt der Alte!"

Wenn eine Brigade mit schwenkenden Schippen an uns vorbeispazierte, grölte Rainer: ?Die Rohrlejer sind alle schwul!"

Darüber beschwerten sich die anderen nie, sie grüßten zurück. Viele Kollegen entsprachen nicht der Deutschen Industrie-Norm. Zum Beispiel mein Lehrfacharbeiter, Mini-Manne, der gar nicht klein war, er hatte sogar eine große Fresse. Als ich an einem verregneten Tag in der Kaufhalle herumspazierte, traf ich dort seine Frau. Ich trug nasse Arbeitsklamotten, war angetrunken und suchte in dem überbeleuchteten Betonwürfel mit den halbleeren Auslagen nach Schnaps. ?Tach Birgit!", rief ich ihr schon von weitem zu: ?Wo steht hier der Goldbrand?"

Das war ihr peinlich, sie ignorierte mich. ?Birgit, wir kenn uns vom Bowling im SEZ!"

Sie alarmierte die Bauleitung, bevor ich in unsere Baubaracke zurückkam. Mini-Manne fragte mich herausfordernd: ?Wie kannst du meine Frau in der Öffentlichkeit ansprechen?"

Sie hatten sich per Heiratsanzeige kennen gelernt, nun bewohnten sie eine Neubauwohnung am Rande der Stadt, er war sich seines Unglücks nicht sicher ? ganz schön mini. Immerhin hatte Manne Bock auf seine Familie. Viele andere Kollegen wollten nur in der Baracke Skat spielen und trinken. Wofür sollten sie den Tag nutzen? Sie bekamen auch so die hundert Prozent vom Lohn. Sich auszuschließen war blöd. Der Brigadier pulte die Jagdwurstreste zwischen seinen Dritten hervor und sagte: ?Bis sechzehn Uhr is Abeitszeit, seid froh, dassa nich rausjehn müßt!"

Teil 3/5