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7/30/2010 : 11:54 am : +0200

Laufzettel, Tagebuch einer Ausreise



von Dietmar Riemann

aus dem Buch Laufzettel, Tagebuch einer Ausreise Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2006

3.1.1986

Seit Jahren ringe ich mit der Frage, ob ich nicht ein Tagebuch führen sollte.

Wie sehr und schmerzhaft haben wir uns mit unserem Staat auseinandergesetzt, meine Frau und ich. Viele Freunde und Bekannte sind bereits gegangen, leben jetzt im anderen Teil unseres gespaltenen Vaterlandes, im anderen Teil unserer Stadt.

Andere Freunde wiederum warten seit Jahren, manche auch erst seit kurzer Zeit, auf ihre Ausreisegenehmigung, auf die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR.

Und immer war das Weggehen der Freunde und Bekannten, oder auch nur ihre Entscheidung für den ?Antrag?, eine schlimme Zeit für uns, verbunden mit schlaflosen Nächten und Tränen.

Auch wir kämpfen innerlich seit Jahren um eine solche Entscheidung. Eigentlich wollten wir erst zur Ruhe kommen, Abstand gewinnen zum Thema Ausreise. Es gibt aber immer wieder neue Menschen, uns nahe stehende Menschen, die uns diesen mutigen Schritt voraus haben. Man kann keinen Abstand zu diesem Problem gewinnen!

In der vergangenen Sylvesternacht ist unser Entschluß zur letzten Reife gelangt: Auch wir wollen gehen! Es wird ein langer und schwerer Weg in eine ungewisse Zukunft werden. Ich will mir nichts vormachen. Wir werden unser schönes Haus und Grundstück verlieren. Wahrscheinlich werden wir nie wieder ein eigenes Heim besitzen, noch dazu in einer so wunderbaren Umgebung. Ich hänge sehr an Rahnsdorf.

Wir müssen auch damit rechnen, daß wir so manches Erbstück einbüßen. Alte Möbel, Teppiche, Bilder, Porzellan, Bücher, Schmuck oder andere uns liebe Gegenstände von teilweise großem ideellem Wert können wir vielleicht nicht mitnehmen. Und was wird aus meinem Fotoarchiv werden? Natürlich verlieren wir auch unsere exponierte gesellschaftliche Stellung. Wir werden in unserem neuen Umfeld, also ?Drüben?, auf der sozialen Leiter weit nach unten fallen. Ich werde nicht mehr als freiberuflicher Fotograf arbeiten können und ausschließlich Fotos für schöne Bildbände machen.

Zehn Jahre habe ich gebraucht, um das zu werden, was ich hier am Ende meiner ?fotografischen Laufbahn? geworden bin. Ich habe mein Handwerk von der Pike auf gelernt, verschiedene Jobs innerhalb des Berufes ausgeübt, mich zum Meister qualifiziert und danach ein Hochschulstudium absolviert.

 

Teil 2/5