- 1: Ost-Berlin.
- 1.1: Hauptstadt.
- 1.2: Alltag.
- 1.2.1: Texte.
- 1.2.1.1: Andreas Gläser.
- 1.2.1.2: Dietmar Riemann.
- 1.2.1.3: Johannes Jansen.
- 1.2.2: Bilder.
- 1.2.1: Texte.
- 1.3: Mauer.
- 1.4: Diktatur.
- 1.5: Architektur.
- 1.6: Chronologie.
- 2: aktuell.
- 2.1: Spurensuche.
- 3: Kontakt.
Studentensommer - Arbeiterherbst
von Andreas Gläser
aus dem Buch DJ Baufresse aus dem Kiepenheuer- Verlag Berlin 2006
Ich saß dem Irrglauben auf, daß es im Arbeiter- und Bauernstaat normal wäre, als Großstädter Bauarbeiter und als Landei Bauer zu werden. Im ersten Jahr der Berufsausbildung zum Tiefbaufacharbeiter drückte ich mich jeweils drei Tage pro Woche in der Betriebsberufsschule und zwei Tage auf der Lehrbaustelle herum. Unser knappes Dutzend Stifte nahm unseren einundzwanzigjährigen Lehrmeister Jürgen kaum für voll, unsere kontraproduktiven Ansichten wurden sogar bestätigt, denn unter den älteren Bauleitern und Brigadieren, Maurern und Rohrlegern galt Jürgen als Theoretiker, der nach seiner Lehre drei Jahre bei der Asche gewesen war und plötzlich zehn unschuldige Bengel zur Materialverschwendung anstiftete.
Unsere Lehrbaustelle in Alt-Marzahn stellte für das Wohnungsbauprogramm der Hauptstadt ohnehin nur einen Nebenschauplatz dar. Wir mauerten über Monate an einem Schuppen, der mit der Wende schneller abgerissen wurde, als daß man den Palast der Republik in Frage gestellt hatte. Mit dem Ende des ersten Lehrjahres wurde unser Flohzirkus planmäßig aufgelöst. Was aus Jürgen wurde, war uns egal. Ich wurde einer Brigade zugeteilt, in der das zahlenmäßige Verhältnis von jüngeren zu älteren Kollegen umgekehrt war. Um dieses unpoppige Sammelsurium aufzufrischen, begann die zweite Hälfte meiner Ausbildung mit dem achtwöchigen Studentensommer. Wir hatten zwei oder drei schöne Besserwisserinnen zugeteilt bekommen. Sie verdienten sich ein bißchen dazu, indem sie den vielen Sand hin- und herschippten. Mir kam dieser Studentensommer wie eine Schonfrist vor, zumal ich mir eine Madame aussuchen konnte, um mit ihr das Frühstück einzukaufen.
Mein sogenannter Lehrfacharbeiter Manne, genannt Mini-Manne, ließ mich oft mit einer Studentin losziehen, damit er seinen Privatjobs nachgehen konnte. Manne zeigte sich maximal: ?Such dir eene aus!"
Ich entschied mich für die süße brünette Monika. Die Alten meiner Brigade beneideten mich, stellten mir Fragen wie: ?Haste se flachjelegt?", und antworteten gleich selber: ?Jut."
Diesen Respekt hatte ich zwar nicht verdient, aber so konnte ich eher positiv auffallen, als mit Klinkerschacht mauern. Mit Monika buddelte ich gern bis zur Besinnungslosigkeit. Als ich Rainer einmal fragte: ?Ham die andern Brigaden ooch Studentinnen abbekomm?", antwortete er so trocken wie glaubwürdig: ?Kannst froh sein, daß de bei uns bist, die sind alle schwul."
Sex war der Trost der stumpfsinnigen Produktivität. Monika sprach von ihrem Freund, und weil ich ihre Aussage ernst nahm, wurde nichts aus uns. Das war meinen phantasierenden Kollegen egal. Sie sagten: ?So ein Stößchen hinter de Kaufhalle ? warum nich?"
